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112 Newsletter vom 29. April 2021

Liebe Leserinnen und Leser,

wie jede Woche steht auch heute die Daten- und Faktenlage am Beginn meines Corona-Newsletters. Heute, Donnerstag, 29. April, 08:00 Uhr, verzeichnen wir für Bayern insgesamt 589.832 bestätigte Covid-19-Infektionen. Im Vergleich zum Donnerstag der letzten Woche, bis zu dem 567.347 Infektionen gezählt worden waren, sind dies 22.485 mehr. Für die zurückliegenden sieben Tage ergibt sich daraus über die Woche hinweg ein nahezu identischer rechnerischer Schnitt von 3.212 Neuinfektionen pro Tag, nachdem dieser Wert vergangenen Donnerstag bei 3.558 und in den Wochen davor bei 3.560, 2.492, 2.664, 2.305, 1.888, 1.496, 1.320, 1.104, 1.093, 1.263, 1.646, 1.909, 2.366, 3.265, 3.143, 3.203, 3.912, 4.172, 3.638, 3.475, 3.606, 3.432, 3.597, 2.918, 2.153, 1.243, 652 bzw. 372 lag. Die Vergleichszahlen der letzten drei Wochen zeigen meines Erachtens das vorläufige Ende eines exponentiellen Wachstums der dritten Welle an und belegen eine jedenfalls stabile Seitwärtsbewegung der Entwicklung bei den Neuinfektionen. Eine echte Trendumkehr möchte ich aus dem leichten Rückgang der täglichen Infektionszahlen im Wochenvergleich noch nicht herauslesen, aber immerhin zeigt sich ein zartes Pflänzchen der Hoffnung, dass wir zumindest so lange nicht mit einer grundlegenden Verschlechterung der Lage rechnen müssen, wie die große Mehrheit der Menschen im Land sich weiterhin vernünftig verhält und die AHA-L-Regeln beachtet.

Diese Einschätzung gilt auch für das Bundeslagebild. Dieses wies in der vergangenen Woche im Tagesdurchschnitt 19.937 Neuinfektionen aus, nachdem dieser Wert in den beiden Vorwochen knapp um die Marke von 20.500 Neuinfektionen pro Tag pendelte. Bei aller Freude über das Unterschreiten der 20.000er-Marke darf man sich aber nicht einer Selbsttäuschung hingeben und von Entwarnung reden. Denn im längerfristigen Wochenvergleich stellt der aktuelle Wert auf der Zeitreihe – 13.946, 16.566, 14.416, 11.332, 8.715, 8.189, 7.725, 7.220, 8.290, 10.450, 12.900, 15.700 und 21.000 – einen negativen Spitzenwert dar.

Interessant scheint mir auch der Blick auf die einzelnen Altersgruppen und deren Beteiligung am Infektionsgeschehen. Ganz eindeutig wird dieses von den jungen Erwachsenen und dem „Mittelalter“ getragen. Ausgehend von der vom Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit für gestern ermittelten Zahl von 4.469 registrierten Neuinfektionen entfallen davon 1.439 auf die Altersgruppe 15- bis 34 und 1.782 auf die 35- bis 60-Jährigen. Lediglich 1.284 Fälle entfallen auf die 60- bis 100-Jährigen sowie die 0- bis 14-Jährigen. Das lässt sich zum einen damit erklären, dass natürlich diese Altersgruppen am stärksten im Berufsleben stehen und deshalb, so sie nicht gerade im Homeoffice sind, zwangsläufig mehr Kontakte haben als Nicht-Berufstätige. Es sind aber auch diejenigen Alterskohorten, bei denen am häufigsten eine gewisse „jugendliche“ bzw. „bewusste“ Sorglosigkeit zu beobachten ist. Auf Letzteres deutet etwa die Zusammensetzung vieler Querdenker-Demos hin, bei denen jedenfalls gefühlt die 40- bis 60-Jährigen überrepräsentiert sind. Deshalb auch an dieser Stelle der Appell to whom it may concern: Verhalten Sie sich vernünftig, halten Sie die AHA-Regeln ein, wenn schon nicht zum Schutz der anderen, dann doch wenigstens im eigenen Interesse. Viele, die das Gefühl haben, das Virus könne ihnen nichts anhaben, sollten sich nicht in einer trügerischen Sicherheit wiegen, wie neueste Untersuchungen zeigen. So hat der Medizinmathematiker Prof. Dugas von der Universität Münster in einer groß angelegten Studie, die diese Woche veröffentlicht wurde, herausgefunden, dass das Risiko, an Corona mit einem schweren Verlauf oder tödlich zu erkranken, nicht mit der Altersgrenze 60, sondern bereits um das 40. Lebensjahr signifikant ansteigt. Dies gilt vor allem für die Männer. Also: Corona schlägt man(n) nicht mit Heldenmut, sondern mit Köpfchen.

Im Vergleich der Bundesländer liegt Bayern heute mit einer 7-Tage-Inzidenz von 161 – nach 180, 178, 119, 142, 114, 96, 77, 68, 58, 55 an den vorangegangenen Donnerstagen – auf einem nicht nur nach dem absoluten Zahlenwert, sondern auch nach der Platzziffer deutlich verbesserten
Platz 7 des Negativ-Rankings, nach Platz 4 in der Vorwoche. Nach wie vor verzeichnen mit Ausnahme von Schleswig-Holstein und Hamburg alle Länder eine 7-Tage-Inzidenz über 100. Den höchsten Wert muss wieder Thüringen mit erfreulich verbesserten 215 hinnehmen, den günstigsten verbucht weiterhin das Land an zwei Meeren mit 67 (71). Der Durchschnittswert aller Länder liegt heute bei 155, nach 161, 160, 106, 134, 113 und 90 in den Vorwochen. Auch dieser Parameter zeigt also die Stagnation auf hohem Niveau an.

Die Reproduktionszahl R, die angibt, wie viele weitere Personen ein Infizierter statistisch ansteckt, ehe er gesundet oder verstirbt, liegt seit gestern entsprechend der mathematischen Betrachtungen des Robert Koch-Instituts (RKI) erstmals seit Langem wieder bei R kleiner 1. Damit scheiden statistisch gesehen täglich wieder etwas mehr Menschen aus dem Infektionsgeschehen aus, als neu dazukommen, auch das ein kleiner Lichtblick.

Die Positivrate – also die Zahl der laborpositiven PCR-Tests im Verhältnis zu deren Gesamtzahl – schwankte in Bayern in den zurückliegenden Tagen zwischen 5,3 und 6,5 Prozent (Vorwoche: 5,9 und 6,7) bei einem 7-Tage-Mittel von 6,16 (6,19) und ist damit leicht gefallen. Die Nachfrage nach PCR-Tests bleibt weiterhin hoch und bewegt sich im 7-Tages-Mittel bei über 60.000 Tests. Im Vergleich dazu ist bundesweit gesehen die Positivrate noch einmal deutlich gestiegen auf nunmehr 12,41 Prozent (Vorwoche: 12,04).

Ich komme nun zum Blick in die bayerischen Regionen. Hier setzt sich die letzte Woche in der dritten Welle erstmals deutlicher zu beobachtende Tendenz bei der 7-Tage-Inzidenz fort, wonach die Ausreißer nach oben zusehends nicht mehr auftreten und am positiven unteren Ende sich langsam wieder mehr und mehr Landkreise und kreisfreie Städte einfinden. Hatten wir vor zwei Wichen noch einzelne Städte, deren Wert regelrecht durch die Decke ging und die 600er-Marke testete, haben wir heute keine Gebietskörperschaft mehr jenseits 300 Neuinfektionen binnen
7 Tagen auf 100.000 Einwohner. Im Einzelnen sieht es wie folgt aus:

26 Landkreise und kreisfreie Städte reihen sich im Segment 300 bis 200 ein. Den ungünstigsten Wert hat heute die oberfränkische Stadt Hof mit 297, danach folgen die niederbayerischen Landkreise Rottal-Inn mit 290 und Dingolfing-Landau mit 285, der oberbayerische Landkreis Mühldorf mit 274, die mittelfränkische Stadt Fürth mit 269 und die im Regierungsbezirk Schwaben liegende Stadt Memmingen mit 268. Diese regionale Verteilung zeigt einmal mehr, dass im Grunde mehr oder weniger jeder Regierungsbezirk sein „Sorgenkind“ hat und sich auch deshalb niemand sicher sein kann, dass er dauerhaft „aus dem Schneider“ ist.

Zwischen 200 und 100 reihen sich 59 Kommunen ein und unterhalb der „magischen Grenze“ von 100, ab der die Einschränkungen deutlich schärfer werden, finden sich immerhin wieder 11 Kommunen. Die „grüne“ Laterne für den Landkreis mit dem besten Wert hält heute der Landkreis Landsberg am Lech, der mit 70,7 knapp besser liegt als meine Heimatstadt Erlangen mit 72,9.

Insgesamt mehren sich also auch bei dieser Form der statistisch-regionalen Betrachtung die Hoffnungsschimmer, mehr aber auch nicht. Diesen Schluss legt auch die Corona-Lage in den Kliniken nahe. Die Gesamtzahl der hospitalisierten Corona-Patientinnen und -Patienten pendelt weiterhin in einem engen Korridor um die Marke von 3.000, heute bei 3.030 (3.042). Entsprechendes spiegelt sich auf den Intensivstationen, für die der statistische Fixpunkt momentan bei 800 Patienten liegt. Heute sind es genau 809 (821) Corona-Intensivpatienten. Die Lage des Gesundheitssystems ist stabil, ist aber wegen der damit einhergehenden extremen Belastungen für Mensch und Maschine kein hinnehmbarer Dauerzustand. Dies umso mehr, als nur deshalb alle intensivpflichtigen Corona-Patienten behandelt werden können, weil zahlreiche Kliniken zum Teil planbare Operationen, nach deren Durchführung die Patienten üblicherweise zunächst auf eine Intensivstation kommen, verschieben.

Alle Hoffnung auf eine dauerhafte Besserung liegt im Impfen und hier geht es echt vorwärts. Gestern gab es einen neuen bayerischen Tagesrekord mit 169.302 verabreichten Injektionen. Irgendwann im Laufe des heutigen Tages haben die Ärztinnen und Ärzte in Bayern die 4.444.444ste Impfdosis verabreicht, nachdem bis gestern 4.443.626 Impfungen registriert waren. Das entspricht einer Impfquote von 26,7 Prozent der Bevölkerung bei den Erst- und 7,1 Prozent bei den Zweitimpfungen. Ich will hier keine Zahlenakrobatik betreiben, aber 26,7 Prozent Impfquote ist im Ergebnis mehr wert, als es die reine Zahl aussagt. Denn für die Erreichung der Herdenimmunität brauchen wir keine 100 Prozent Impfquote, sondern nach Expertenmeinung etwa 75 Prozent. Und davon ist immerhin ein Drittel erstgeimpft. Aber auch hier gilt: Nur kein Übermut, die eindeutig größere Wegstrecke liegt noch vor uns.

Liebe Leserinnen und Leser, einmal mehr erleben wir eine Woche mit schwierigen Diskussionen rund um Corona. Zwar hat sich nach meiner Wahrnehmung die Debatte um die Impfgerechtigkeit deutlich beruhigt, nachdem viele besonders vulnerable Menschen wie etwa hoch betagte und schwer kranke Personen vielfach sogar schon die zweite Impfung erhalten haben und damit die Zahl derer, bei denen die Impfung womöglich eine Frage von Leben und Tod ist, signifikant gesunken ist. Beruhigend wirkt sicher, dass die Prognosen, mit Anfang April werde die Menge des verfügbaren Impfstoffes in mehreren Stufen deutlich anwachsen und in Bayern Impfleistungen pro Tag von deutlich über 100.000 zulassen, tatsächlich eingetreten sind. Die zunächst von einer vorauseilenden Mutlosigkeit geprägte Wahrnehmung vieler Menschen im Sinne „ehe ich eine Impfung erhalte, werde ich Lotto-Millionär“ ist zur Zuversicht mutiert nach dem Motto „immerhin kenne ich bereits fünf Geimpfte persönlich und ich sollte mich auch langsam in BayIMCO registrieren, sonst verpasse ich meine Chance.“

Nun drehen sich die Debatten um eben jene Chancen, die sich für vollständig Geimpfte ergeben können. Daran ist zunächst einmal positiv, dass wir uns nach und nach eine Lageverbesserung erarbeitet haben, die eine solchermaßen chancenorientierte Debatte überhaupt zulässt. Denn mehr als ein Viertel der impffähigen Bevölkerung hat eine Grundimmunisierung und immerhin bald
10 Prozent verfügen über den vollen Impfschutz. Diese Zahlen werden sich in den kommenden Wochen noch deutlich verbessern, sodass die Frage, von welchen Einschränkungen vollständig Geimpfte sukzessive entlastet werden können, für viel mehr Menschen Relevanz entfalten wird. Bei allen Überlegungen ist immer wieder zu berücksichtigen, dass sich Erleichterungen für vollständig Geimpfte in das Gesamtsystem der Pandemiebekämpfung einfügen müssen. Denn die Pandemie ist immer noch da. So zeigt die unvorstellbar brutale neue Welle in Indien, was passieren kann, wenn man sich zu früh zu sicher ist, dass alles erledigt sei.

Wir werden deshalb nicht vor der Zeit Schwimmbäder oder Freizeiteinrichtungen wieder in Betrieb nehmen, um dem in Rede stehenden Personenkreis ein besonderes Angebot zu machen. Einen vertretbaren Einstieg hat der Ministerrat am Dienstag mit der Maßgabe vorgenommen, vollständig geimpfte Personen im Rahmen der Bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung, aktuell die 12. BayIfSMV, negativ getesteten Personen gleichzuzustellen. Rein praktisch heißt dies, dass immer dort, wo die 12. BayIfSMV den Zugang zu einem Geschäft, einer Anlage oder einem Gebäude an die Vorlage eines aktuellen negativen Testergebnisses knüpft, diesem Erfordernis auch durch den Nachweis einer vollständigen Impfung Genüge getan ist, soweit die zweite Impfung mindestens 14 Tage zurückliegt und damit die volle Schutzwirkung eingetreten ist. Ausnahmen können allerdings für vulnerable, also besonders verletzliche und deshalb besonders gefährdete Gruppen gemacht werden, und so hat es das Gesundheitsministerium auch verordnet. Denn soweit nach der 12. BayIfSMV etwa der Zugang zu vollstationären Einrichtungen der Pflege oder für Menschen mit Behinderungen an Testpflichten gebunden ist, bleiben diese auch für vollständig Geimpfte bestehen. Hier kommt also in besonderer Weise das Prinzip Vorsicht zum Tragen.

Unabhängig von derlei Sonderkonstellationen halte ich die grundsätzliche Gleichstellung von Negativtest und vollständiger Impfung für jederzeit vertretbar, weil von negativ Getesteten sowie Geimpften jedenfalls ein deutlich geringeres Übertragungsrisiko ausgeht als von Menschen, die weder getestet noch geimpft sind. Nachdem dieses aber nicht Null ist, bleibt es auch für vollständig Geimpfte – wie für negativ Getestete – bei den AHA-L-Anforderungen, namentlich Maskenpflicht und Abstandsregeln. Derlei landesrechtliche Anpassungen können nur erste Schritte sein. Die großen Linien zum Rückbau der Maßnahmen, etwa Einreisequarantäne, müssen vom Bund kommen. Wie ich höre, arbeitet die Bundesjustizministerin bereits an einem Verordnungsentwurf. Dieses Rechtsinstrument soll spätestens am 28. Mai im Bundesrat abschließend beraten werden, vielleicht geht es aber auch ein bisschen schneller.

Bis dahin rechne ich mit einer anspruchsvollen Debatte, zu der sich schon jetzt ein paar Kernthemen abzeichnen. Diejenigen, die sich aus Prinzip nicht impfen lassen wollen, werden von einem „faktischen Impfzwang über die Hintertüre“ sprechen, weil sie ohne Impfung nicht an einer vorzeitigen Rückkehr zu einer weniger oder gar nicht mehr eingeschränkten Lebensführung teilhaben können. Diejenigen, die wegen einer noch geltenden Impfpriorisierung oder wegen noch nicht für alle gleichzeitig ausreichenden Impfstoffmengen weiter auf den „Doppelstich“ warten müssen, werden sich als vom System erzwungen benachteiligt fühlen. Und wieder andere werden – gleich ob aus Neid oder aus einem persönlichen absoluten Gerechtigkeitsempfinden – argumentieren, dass erst dann bestimmte Auflagen wie eine Testpflicht o.ä. entfallen soll, wenn alle die Möglichkeit haben, in den Genuss von derlei Erleichterungen zu kommen. Die Debatten werden heftig und die Diskussionen werden hitzig sein. Wie kann man diese Diskrepanzen nun aber auflösen?

Den Ausweg zeigt uns einmal mehr das Grundgesetz und damit das im demokratischen Verfassungsstaat von Verfassungs wegen vorgezeichnete rechtsstaatliche Freiheitsverständnis. Dieses gesteht zunächst dem mündigen Bürger das Recht zu und erlegt ihm damit zugleich die Bürde auf, selbst abzuwägen und am Ende selbst zu entscheiden, was ihm wichtiger ist. Sich NICHT impfen zu lassen, das aber um den Preis, sich selbst und auch andere einem stärkeren Ansteckungsrisiko auszusetzen, so lange die Pandemie besteht und deshalb für diese Phase auf individuelle Erleichterungen zu verzichten. Oder aber das ohnehin verschwindend geringe Risiko eines möglichen Impfschadens einzugehen, um als Immunisierter weder sich noch andere einem Ansteckungsrisiko auszusetzen. Was aber nicht geht, ist, sich jeweils die Rosinen vom Kuchen picken zu wollen. Nicht impfen lassen und dennoch sofort volle Freiheit genießen wollen, läuft den infektiologischen Anforderungen der Pandemiebekämpfung zuwider, ist absolut unsolidarisch und ausschließlich eigennützig.

Auch auf die Frage, ob der eine schon Erleichterungen genießen darf, während der andere gleichermaßen impfwillige noch warten muss, gibt das Grundgesetz eine eindeutige Antwort. Die Freiheitsrechte sind jedem Grundrechtsträger unmittelbar gewährt und werden von diesem her gedacht. Einschränkungen sind nur insoweit zulässig, als sie die verfassungsmäßige Ordnung vorsieht. So etwa, um wie beim Infektionsschutz Leben und Gesundheit anderer zu schützen. Dagegen ist die potentielle Gleichzeitigkeit der Ausübung eines Rechts durch alle potentiell in Frage kommenden Grundrechtsträger keine entscheidende Kategorie. Oder plumper gesagt: Nicht der Langsamste im Geleitzug bestimmt das Tempo der Grundrechtsausübung durch alle, sondern wer früher die Voraussetzungen erfüllt, darf schneller los. Niemand käme auf die Idee, zu fordern, dass jemand, der die notwendige Fahrerlaubnis erworben hat, dennoch so lange mit der Teilnahme am Straßenverkehr als verantwortlicher Fahrzeuglenker warten muss, bis der letzte seines Jahrgangs ebenfalls die Möglichkeit hatte, den „Führerschein zu machen“. Es kann deshalb gar nicht anders sein, als dass im Rahmen des infektiologisch Vertretbaren Menschen je nach ihren individuellen Voraussetzungen zu unterschiedlichen Zeiten von Corona-bedingten Einschränkungen entlastet werden. Alle(s) über einen Kamm zu scheren, wäre nicht etwa Ausdruck maximaler rechtsstaatlicher Gleichheit, sondern schlicht Gleichmacherei, wie sie einem sozialistischen oder gar kommunistischen Weltbild entsprechen mag, nicht aber der freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

Streitig diskutiert wurde zudem, wie mit landesrechtlichen Abweichungen von Vorschriften des am Wochenende in Kraft getretenen Vierten Gesetzes zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite (Viertes Bevölkerungsschutzgesetz) umzugehen ist. Der Grundsatz ist klar. Die bundesrechtlichen Standards sind verbindliche Mindeststandards, die Landesrecht nicht unterschreiten darf. Für die andere Seite der Maßnahmenskala sieht der Bund aber ausdrücklich vor, dass die Länder nötigenfalls schärfere Maßnahmen ergreifen bzw. beibehalten können. Ein Abgleich des Bundesgesetzes mit der 12. Bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung (12. BayIfSMV) hat durchaus solchermaßen weitergehende bayerische Regelungen zu Tage gefördert. Der Ministerrat hat beschlossen, die 12. BayIfSMV an folgenden Stellen dem Bundesrecht anzugleichen:

Ladengeschäfte der körperfernen Dienstleistungs- und Handwerksbetriebe wie etwa Fotografen, Schuhmacher oder (Änderungs-)Schneider dürfen inzidenzunabhängig unter den für Ladengeschäfte geltenden allgemeinen Maßgaben öffnen. Die inzidenzabhängigen Schließungsregelungen – zur Erinnerung: entsprechend einer 7-Tage-Inzidenz unter 50, von 50 bis 100, von 100 bis 150 – einschließlich der damit korrespondierenden „Click & Meet“- und „Click & Collect“-Regelungen, gelten entsprechend der bundesrechtlichen Regelung nur noch für Handelsangebote wie etwa Oberbekleidung oder das klassische Kaufhaussortiment. Die bestehenden Einschränkungen für körpernahe Dienstleistungen, etwa Tätowierstudios, bleiben unberührt. Des Weiteren dürfen nun auch wieder Gartenmärkte, Blumenfachgeschäfte und Buchhandlungen in gleicher Weise inzidenzunabhängig und dabei unter denselben allgemeinen Maßgaben öffnen, wie sie für Ladengeschäfte gelten.

Eine erste kleine Erleichterung kann auch die Kulturszene verbuchen, denn Autokinos, die während der ersten beiden Wellen geradezu eine Renaissance erlebt haben, sind auch jetzt wieder inzidenzunabhängig zugelassen. Das sollte nicht nur der ein oder anderen Filmvorführung wieder ein Publikum erschließen, sondern auch der ein oder anderen Band. Voraussetzung ist aber in jedem Fall ein ausreichendes Infektionsschutzkonzept des Betreibers. Für die Besucher besteht außerhalb von Kraftfahrzeugen auf dem Gelände FFP2-Maskenpflicht.

Kennen Sie Otto? Nein, nicht Otto von Habsburg oder König Otto von Bayern, sondern den kleinen Prinz Otto von Hellabrunn? Wenn Sie den Superstar des Münchner Tierparks persönlich kennen lernen wollen – der kleine Elefantenbulle ist mittlerweile fünf Monate alt – dann besteht dazu grundsätzlich wieder Gelegenheit, denn ab sofort dürfen die Außenbereiche zoologischer und botanischer Gärten in Bayern auch wieder oberhalb einer 7-Tage-Inzidenz von 100 öffnen. Dies allerdings nur unter strengen Anforderungen an die Betreiber und Hygieneauflagen für die Besucher. Der Gartenbetreiber muss über ein adäquates Schutz- und Hygienekonzept verfügen und Besucher ab sechs Jahren über einen höchstens 24 Stunden alten negativen Corona-Test. Des Weiteren besteht FFP2-Maskenpflicht und die persönlichen Kontaktdaten sind anzugeben. Bis zu einer 7-Tage-Inzidenz von 100 gelten weiterhin die bereits vor dem gestrigen Mittwoch in der 12. BayIfSMV geregelten Öffnungsmöglichkeiten.

Es ist mir als Sportminister ein besonders wichtiges Anliegen, dass die Menschen gerade in diesen vielfach von Passivität und Bewegungsmangel geprägten Pandemiezeiten die Möglichkeit haben, sich in infektiologisch vertretbarer Weise insbesondere an der frischen Luft sportlich zu betätigen. Für Kinder ist dies wegen ihres besonders stark ausgeprägten Bewegungsdrangs umso wichtiger. Deshalb begrüße ich die nun vorgenommene Angleichung an das Bunderecht sehr, wonach oberhalb einer 7-Tage-Inzidenz von 100 Kindern unter 14 Jahren die kontaktlose Ausübung von Sport im Freien in Gruppen von höchstens fünf Kindern wieder gestattet ist. Training von Kurzpassspiel oder Leichtathletiktraining in „Klein(en)-Gruppen“ geht also wieder. Und etwaige Anleitungspersonen dürfen an diesem Sport teilnehmen, wenn sie ein höchstens
24 Stunden altes negatives Testergebnis nachweisen können.

Zur Frage „Corona und Sport: Wo bleibt die Perspektive?“ habe ich mich diese Woche im Rahmen meines monatlichen Podcastes „Let`s talk Innenpolitik“ mit Skiflugweltmeister Karl Geiger unterhalten. Wenn Sie mögen, schauen Sie mal rein, den Zugang zum Gespräch finden Sie hier.

Otto – find ich gut!

Mit besten Grüßen
Ihr


Joachim Herrmann, MdL
Staatsminister